Mir war schon (gefühlt) immer klar, dass ich irgendwann Therapeutin werden möchte und in meiner eigenen Praxis Menschen unterstützen möchte. Was man da genau dann aber wie macht, war mir nicht immer klar und meinen Patienten oder Freunden auch meist nicht. Redet man nur? Wie soll ich den Menschen denn helfen, wenn Sie zu mir kommen? Was mir bei diesen Fragen am meisten geholfen hat, war der Mut auch die zunächst „außergewöhnlichsten Therapieverfahren“ auszuprobieren, die vor allem aus den Bereichen der Traumatherapie kamen. Frei nach dem Motto, wenn ich mit den belastendsten Dingen, welche Menschen überhaupt erleben können umgehen kann, dann schaffe ich bestimmt auch „alle“ Probleme mit den Patienten zu bewältigen. Wichtig war mir dabei aber immer, dass diese Verfahren wissenschaftlich fundiert sind. Ein Therapieverfahren was definitiv in diese Kategorie fällt und mich immer wieder in der Arbeit mit Patienten fasziniert und tatsächlich hilft, ist EMDR. Mit EMDR sollen belastende Erinnerungen, welche zu überwältigend waren (z.B. Erinnerungen an: Ich selbst oder jemand anders hat sich in Lebensgefahr befunden, Missbrauchserfahrungen, Vergewaltigungen, Kriegserfahrungen, Naturkatastrophen) und im Gehirn, im heißen Stressgedächtnis, auch „Feuerwehrgedächtnis“ genannt, hängen bleiben, quasi „eingefroren“ sind bearbeitet werden. Ziel ist es mit dieser Behandlungsmethode, die Erinnerungen ins „kühle“ Langzeit-Gedächtnis zu integrieren. Das ist deshalb oft notwendig, da es unter bestimmten (Umgebungs-) Reizen (z.B. Gerüchen, Stress, Farben, Gesichter), die irgendwie assoziativ mit dem Ursprungsereignis verbunden sind, zu starken Gefühlsausbrüchen, erstarrendem Verhalten, körperlicher Anspannung, Panik, Schmerzen, negativen depressiven Gefühlszuständen, Gedanken und anderen körperlichen Beschwerden kommen kann, ohne dass man den Zusammenhang zur belastenden Ursprungserinnerung/Ereignis selbst erkennen und Lösungen dafür finden kann. In dem Moment ist man im „falschen alten Film“, der eigentlich schon vorbei ist, jedoch nicht als vergangenes abgespeichert werden konnten. Man fühlt sich in Gefahr ist nicht mehr im „Hier und Jetzt“, sondern ist wieder in der alten belastenden Erinnerung gefangen. Der „kühle“ rationale Zugang ist in diesem Moment versperrt, wie auch der Zugang zu positiven Erinnerungen und Ressourcen. Nur der „heiße“ emotionale Teil springt an, die Emotionen und Gefühle überfluten einen und hinterher, weiß man nicht mehr was da eigentlich in einen „gefahren“ ist. Schämt sich vielleicht oder denkt man wird verrückt. In „normalen“ belastenden Situationen (z.B. Streit), erlebe ich Gefühle, Gedanken und körperliche Reaktionen auch für einen Moment als stark und überwältigend, kann sie normalerweise, dann aber schnell von mir wieder distanzieren, darüber reden, darüber nachdenken, wie ich damit umgehen könnte, mit Lernerfahrungen, die ich mit ähnlichen Situationen gemacht und gut bewältigt habe verbinden und Lösungen finden. Die belastende Erinnerung, kann auf diese Weise ins Langzeit- Gedächtnis integriert und als vergangenes abgespeichert werden. Meist verarbeite ich solche Dinge auch noch mal im Schlaf in der sogenannten REM- Schlafphase unter schnellen Augenbewegungen. 

Erst kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass sie sich seit ein paar Jahren zunehmend verändere. Sie würden die „Kleinsten“ Dinge stressen, früher habe sie Belastungen im Alltag besser Stand gehalten. Sie habe auch oftmals mehr Ängste und mache sich vor allem in Stresssituationen viele Gedanken, um eigentlich unwichtige Kleinigkeiten, habe keinen Zugang zu den einfachsten Lösungen, sehe dann nur die Probleme. Sie habe das Gefühl ganz viel tun zu müssen und sei gefühlt immer im Stress und unter Anspannung.  Als wir darüber sprachen, was sie vielleicht in der Vergangenheit passiert sei, und für die Veränderung verantwortlich sei, erzählte sie schließlich von einer Situation in der sie in Lebensgefahr gewesen sei (ein Aneurysma war gerissen).  Wie könnte man ihr jetzt helfen?

EMDR als Therapiemethode entstammt den Entdeckungen der klinischen Psychologin Francine Shapiro, die zufällig bei einem Spaziergang merkte, wie sie belastende Gedanken mit einem schnellen hin- und her bewegen der Augen, von sich distanzieren und verändern konnte, so dass die Gedanken und damit einhergehenden Gefühle und Körpersymptome sie danach nicht mehr belasteten. Die Methode wurde wissenschaftlich überprüft und standardisiert und zeigte seit 1990 in der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen sehr gute Erfolge. Ich verwende die Methode im ersten Behandlungsschritt zur „Ressourcenaktivierung“, so dass positive Anker im „Hier und Jetzt“ für den Patienten verfügbar sind. Ich suche mit dem Patienten positive Erlebnisse und/oder erarbeite Vorstellungen sich an einem schönen Ort zu befinden, welchen man dann mit allen Sinnen spürbar macht. Bei diesen Vorstellungen werden dann langsame rechts/links Bewegungen mit den Augen gemacht und so die Erfahrungen noch verstärkt. Ebenso wird damit die Konzentration positive Bilder zu halten geübt. Die meisten Traumapatienten haben Probleme sich mit positiven Erfahrungen zu beschäftigen und in Ruhe zu genießen, in Ruhezuständen lassen sich immer wieder, wie von einem Sog, in negative Erinnerungen reinziehen und berichten oder denken darüber nach, wie in einer Endlosschleife, oft mit der Hoffnung, wenn man es immer wieder erzählt oder darüber nachdenkt, dass es einem dann irgendwann besser geht. Doch eine ausführliche Beschreibung oder gedankliche Beschäftigung mit der Ausgangserinnerung ohne Ziel, macht nur mehr Stress und wird somit nicht im Gehirn verarbeitet. Den der hohe Stresspegel verhindert eine notwendige „kühle“ Verarbeitung, die aber für die Überführung ins Langzeitgedächtnis und damit Verortung des Geschehenen in der Vergangenheit, notwendig ist.

Sobald es den Patienten gelingt Positive Bilder mit ihrer Konzentration zu „halten“ und im „Hier und Jetzt“ dadurch eine Basis, „einen Anker“ erarbeitet zu haben, ist der richtige Zeitpunkt für die Bearbeitung der belastenden Erinnerungen gekommen. Belastende Emotionen, Körperreaktionen und Verhaltensweisen werden mit dem Patienten mit Hilfe der Konzentration auf die Ausgangserinnerung besprochen. Wenn alles standardisiert besprochen wurde, wird der Patient angewiesen sich auf alles Besprochene zu konzentrierten und dabei werden schnelle rechts-links Bewegungen mit den Augen gemacht. Die Erinnerungen werden dann verarbeitet, sie werden mit anderen Erinnerungen assoziativ verbunden, neu strukturiert und können dann besser „im kühlen Gedächtnis“ abgespeichert werden. Es findet durch die Konfrontation mit den belastenden Erinnerung in Verbindung mit den Augenbewegungen, eine Reduzierung der emotionalen Störung statt („Desensitization“) sowie eine Neuverarbeitung des erlebten („Reprocessing“). Die Patienten gehen erst, in Begleitung mit dem Therapeuten, durch die unschönen Bilder, Körpererinnerungen, belastenden Emotionen und Gedanken. Der Therapeut gibt Sicherheit und Halt, strukturiert, damit der Stresspegel nicht zu hoch wird. Schließlich kommen die Patienten dann zu positiven Erlebnissen, Erinnerungen, Emotionen und Gedanken: Z.B von dem Gedanken, welcher mit der Erinnerung verbunden ist, „Ich bin hilflos“ zu dem Gedanken und den damit verbundenen Emotionen und Körperlichen Erfahrungen „Ich kann heute etwas tun“ oder von „Ich sterbe jetzt“ zu „Es ist vorbei“/“Ich habe überlebt“. Ziel ist es, dass die Patienten, wenn Sie sich zum Schluss auf die Ausgangerinnerung konzentrieren, keine Belastung mehr spüren. Zu Beginn der EMDR Behandlung geben die meisten eine hohe Belastung von 9 oder 10 auf einer Skala von 0 (keine Belastung) bis 10 (maximale Belastung) an. Durch die Bearbeitung mit EMDR wird die Belastung dann zum Schluss mit 0 (keine Belastung) angegeben. Es ist erstaunlich, wie die Patienten nach erfolgreichen EMDR Behandlungen im Gesicht aussehen und wie sich die Körperhaltung verändert. Wir haben in der Klinik oft gesagt, man müsste vorher/nachher Bilder machen. Man sieht im Gesicht und in der Körperhaltung die Entspannung. Die Patienten beschreiben eine absolute Entlastung. Sie können endlich wieder entspannen und laufen nicht mehr vor sich und den Erinnerungen weg. Vorher hatten sie sich z.B. durch Arbeit, Putzen und andere Aufgaben immer wieder in Erschöpfungszustände gebracht. Sie können loslassen. Bildlich, habe ich einen Kleiderschrank im Gehirn neu strukturiert und aufgeräumt. Man kann nun selber entscheiden, wann man den Schrank aufmachen möchte. Der Schrank ist nicht mehr so unaufgeräumt, dass er in Stresssituationen aufgeht und Angst und Panik auslöst ohne, dass ich das verstehe.

Es ist so schön, zu wissen, sowohl für mich als Therapeutin, als auch für die Patienten, dass es sehr gute Behandlungsmethoden für traumatische Ereignisse gibt, das macht sehr viel Hoffnung. Ich hoffe, dass ich damit vielen Menschen Mut mache, sich Hilfe zu holen, denn wir alle können sehr belastende Situationen erleben. Und gerade in Krisenzeiten (z.B. aktuell Coronapandemie), kommen alte unverarbeitete emotionale Dinge, eher wieder zum Vorschein und ich bin dann im Vergleich mehr belastet, als Menschen ohne traumatische Vorerfahrungen.

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