Eine gute, artige Frau zähmt ein Monster durch ihre Liebe. 

Dieser alte Mythos liegt vielen kulturellen Werken wie Die Schöne und das Biest, Stolz & Vorurteil, Twilight und 50 Shades of Grey zugrunde. Auch viele Beziehungsmodelle in der echten Welt basieren auf diesem Skript. Allerdings folgt in der Realität selten das happy end, sondern Missbrauch und Vernachlässigung. 

Was bringt so viele Menschen dazu, bei Partnern zu bleiben, die sie schlecht behandeln? Dahinter kann sich das Phänomen der Co-Abhängigkeit verstecken. Dieser Artikel erklärt, was das ist, woher es kommt und wie man sich davon heilen kann.

Was ist Co-Abhängigkeit?

Co-Abhängigkeit ist ein Konstrukt der populären Psychologie und variiert von einem einengendem Persönlichkeitsstil bis hin zu einer Beziehungsstörung. Es betrifft meistens Frauen, häufig älteste Töchter. Der Begriff “Co-Abhängigkeit” bezeichnete ursprünglich das sucht-verstärkende Verhalten von Angehörigen Alkoholkranker. Heutzutage beschreibt Co-Abhängigkeit eine besondere Art der Beziehung, bei der das Selbstgefühl des einen Partners indirekt vom dysfunktionalen Verhalten des anderen Partners abhängt. Alternative Begriffe sind z.B. Liebessucht, Beziehungsabhängigkeit, people pleasing, Chamäleon-Selbst und Helferkomplex.

(Er)Kennst du einen Co-Abhängigen?

Co-Abhängige sind umgänglich. Sie erscheinen nach außen als fröhliche, unkomplizierte, selbstgenügsame Menschen, die dazu tendieren, Belastungen und Schuld auf sich zu nehmen. Sie haben viel Empathie und werden selten wütend. Bezüglich ihrer eigenen Leistungen und Eigenständigkeit sind sie von einem starken Perfektionismus getrieben. Die vollkommene Leistung in der Versorgung anderer dient ihnen als Quelle des Selbstwerts – sie haben ein unstillbares Verlangen nach Zuwendung und Bestätigung.

Andererseits konnen Co-Abhängige passiv-aggressiv reagieren, wenn ihnen Zuneigung vorenthalten wird. Sie können anderen ihre Hilfe aufzwingen, und sie können von der Hilfsbedürftigkeit anderer abhängig werden. Tatsächlich brauchen Ehepartner von Alkoholikern oft selbst therapeutische Behandlung, wenn der Partner auf dem Weg der Besserung ist. 

In Sachen Beziehung lassen sich Co-abhängige oft mit Partnern ein, die das gegensätzliche Extrem verkörpern –  mit “Mr. Wrong” in der folgende Studie.

Helping out Mr. Wrong In einer Studie von 1991 machten Deborah Lyon und Jeff Greenberg von der Universität in Arizona ein Experiment mit Studentinnen, die einen alkoholkranken Vater hatten und die Kriterien für Co-Abhängigkeit erfüllten.
Den Versuchspersonen wurde mitgeteilt, dass die Studienteilnahme darin bestand, mehrere Fragebögen auszufüllen. Tatsächlich ging es aber darum, ob sie sich nach der Studie bereit erklären würden, dem Experimentleiter unentgeltlich Zeit für weitere Forschungsexperimente zur Verfügung zu stellen.
Die Versuchspersonen wurden in zwei Gruppen eingeteilt, sodass zwei gleiche, gemischte Gruppen aus co-abhängigen und nicht-co-abhängigen Studentinnen entstanden. Einer Gruppe wurde durch einen Insider suggeriert, dass der Versuchsleiter ein fürsorglicher Mensch sei, der anderen Gruppe, dass er ein ausbeuterischer Mensch sei. 
Das Resultat: Die co-abhängigen Studentinnen waren bereit, dem ausbeuterischen Leiter mehr als doppelt so viel Zeit zu schenken als nicht-co-abhängige dem als fürsorglich dargestellten Leiter.
Außerdem wurde ermittelt, dass die co-abhängigen Studentinnen ihren alkoholabhängigen Vater positiver einschätzen als ihre Mutter. Sie schätzten ihren Vater sogar positiver ein als die nicht-co-abhängigen Studentinnen ihren nicht-alkoholkranken Vater.

Wie kann es sein, dass man sich so stark zu ausbeuterischen Menschen hingezogen fühlt? 

Der Ursprung – eine gesunde Anpassungsreaktion an ungesunde Verhältnisse

Psychotherapeut Pete Walker beschreibt Co-Abhängigkeit als einen von vier Trauma-Typen, die sich als Reaktion auf Kindheitstraumata entwickeln (siehe: Walker 2019). 

Üblicherweise ist mindestens ein Elternteil von Co-Abhängigen psychisch oder physisch krank, abhängig oder gewalttätig. Durch den Prozess der Familienhomöostase kompensieren die anderen Familienmitglieder das dysfunktionale Verhalten des kranken Elternteils (siehe: Waldheim-Auer 2016). So kommt es oft zu einer Rollenvertauschung, bei der Kinder sich um ihre Eltern kümmern. Das Kind lernt, dass es nicht Kind sein darf. Es wird seine eigenen Bedürfnisse, Gedanken und Gefühle verdrängen oder hinten anstellen, um die Bindung mit den Eltern aufrechtzuerhalten (siehe: Noriega et al. 2008). 

Der Preis dafür ist hoch; wer ein Erwachsener war, als er Kind sein sollte, wird Kind sein, wenn er erwachsen sein sollte. Das heißt, Kinder aus solchen Familiendynamiken werden  Entwicklungseinbußen haben, u.a.:

1.Unvollständige Identitätsentwicklung

Wegen der erzwungenen Selbstverleugnung wissen Co-Abhängige oft nicht, wer sie sind; sie leiden unter einem niedrigen Selbstwertgefühl, Selbstzweifeln und einer inneren Leere. Co-Abhängigen fällt es oft schwer alleine zu sein oder Menschen Grenzen aufzuziehen.

2. Unvollständiges Gefühlsspektrum

Co-Abhängige können negative Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit und Wut nur eingeschränkt wahrnehmen, weil sie sie verdrängen mussten. Sie identifizieren sich stattdessen mit der Rolle des Beschützers, Helfers, Pflegers, Retters, Märtyrers oder Gutmenschen. 

Die negativen Emotionen, die durch Verdrängen ja nicht verschwinden, können sich durch psychosomatische Beschwerden, Abhängigkeiten wie z.B. Esssucht, durch Depressionen oder Angststörungen wieder bemerkbar machen. 

3. Verzerrte Wahrnehmung

Typischerweise verleugnen Co-Abhängige die eigene Abhängigkeit und die negativen Konsequenzen ihrer Selbstaufopferung, oder sind überzeugt, keine andere Wahl zu haben.

Co-Abhängige in Beziehungen

Analog zu den Dynamiken ihrer Ursprungsfamilie suchen Co-abhängige sich Partner, die sie brauchen und/oder eine Abhängigkeitserkrankung haben. Oft fühlen sie sich zu Menschen mit komplementärem Trauma-Typ hingezogen, also zu den geltungs-süchtigen Narzissten (siehe: Walker 2019). Co-Abhängige tragen dabei die Hauptverantwortung für die Beziehung. Sie versuchen, die Beziehung durch emotionales Überinvestment zu “retten” und den Partner durch ihre bedingungslose Liebe und Anerkennung in seinem Selbstwert zu bestätigen. Dass sie von ihrem Partner oft vernachlässigt oder missbraucht werden, nehmen sie hin. In dieser sog. narzisstischen Kollusion besetzt der Narzisst einen grandiosen Part, der Co-Abhängige hingegen den komplementären minderwertigen Part (siehe: Sprenger und Joraschky 2015). Ihre Beziehungsdynamik ist durch ein perfides, psychologisches Spiel mit den Rollen des Retters, des Opfers und des Täters geprägt. 

Dieses sog. Trauma bonding läuft so ab:

  1. Der co-abhängige Partner leidet unter dem Verhalten des Narzissten. Zur Rettung der Beziehung versucht er oder sie, bei dem Narzissten eine Verhaltensänderung zu erzwingen. Dadurch gerät der Narzisst in die Rolle des Opfers, der Co-Abhängige in die des Täters. 
  2. Der Narzisst lässt sich dies nicht gefallen; dies ist die Stelle im Skript, wo Gewalt ins Spiel kommen kann; die Opferrolle geht dadurch an den Co-Abhängigen, der Narzisst wird zum Täter. Der begangene Missbrauch stürzt das Paar in eine Krise. Der Co-Abhängige erwägt, die Beziehung zu beenden.
  3. Die Krise wird dadurch überwunden, dass der Narzisst überraschende Liebesbekundungen zeigt, was love bombing genannt wird, und Besserung gelobt. Er nimmt dadurch die Rolle des Retters an. Nach einiger Zeit verfällt er jedoch zurück in alte Verhaltensmuster und der Kreislauf beginnt von neuem.

Dieser Zyklus ist von starken Hochs und Tiefs geprägt; eine Normalität gibt es in solchen Beziehungen praktisch nicht. Das Spiel mit dem Feuer bringt beide Partner in extreme, intensive emotionale Zustände, die süchtig machen und die Bindung zwischen den Partnern verstärken. Darum ist in der Regel keiner der Partner bereit, die Beziehung zu beenden (siehe: Noriega et al. 2008).

Der Weg aus der Co-Abhängigkeit

Für den Ausstieg aus der Co-Abhängigkeit stehen viele Bücher, Selbsthilfegruppen und Therapieansätze zur Verfügung. Co-Abhängige haben gute Heilungsschancen, da sie über viele psychologische Ressourcen verfügen, z.B. soziale Handlungskompetenz, Empathie, Fürsorge, Leistungsstärke und Durchhaltevermögen.

Die Heilung besteht für Co-Abhängige darin,

  • ihre Familiendynamik zu verstehen,
  • zu verstehen, wie sie diese Dynamik wieder und wieder kreieren,
  • ihre eigene Identität zu definieren und aufrechtzuerhalten,
  • unterdrückte Bedürfnisse und Emotionen zu spüren,
  • Selbstliebe und Selbstschutzmaßnahmen zu erlernen,
  • Beziehungsskills zu erlernen, z.B. Bedürfnisse aushandeln,
  • Meinungsverschiedenheiten auszuhalten und Grenzen zu setzen (siehe: Waldheim-Auer 2016). 

Letztlich geht es darum, mit dem Rollenverhalten aufzuhören und sein authentisches Selbst freizulegen. Es geht darum, das Biest Biest sein zu lassen, und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Es kann helfen, sich Folgendes zu vergegenwärtigen:

Die Verstrickung in dysfunktionale Beziehungen frisst Zeit, die man mit der Art von Partner verbringen könnte, die man sich insgeheim wünscht. Die körperliche Anziehung zu Narzissten kann sich fast unwiderstehlich anfühlen, weil ihre Gegenwart frühkindliche Muster triggert, die im Körper gespeichert sind. Auch, wenn es schwer ist, ist es möglich, solche Beziehungen auf rationaler Basis und um der Selbstliebe willen zu beenden.

Ja, das ist erstmal unbefriedigend; mit der Zeit wird der Körper jedoch dem veränderten Geist folgen. Ja, es ist schwer zu akzeptieren, dass man nichts tun muss, um Zuneigung zu erhalten. Nein, mit einem fürsorglichen Partner ist die Beziehung dann nicht mehr so aufregend. Aber im Gegenzug bekommt man die Chance auf eine mühelose und beständige Liebe. Und das verdient jeder.

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