Jeder Mensch erlebt Traumata. Diese Erfahrungen gehen jedoch nicht immer spurlos an uns vorbei: Wenn wir sie in jungen Jahren erleben, können unsere natürlichen Reaktionen auf traumatischen Stress zu Teilen unserer Persönlichkeit werden. Doch was uns als Kind einen Überlebensvorteil brachte, kann uns und unseren Beziehungen später schaden. Ein Überblick über die Traumatypen Co-Abhängigkeit, Narzissmus, Zwangsverhalten und Dissoziation.

Die Persönlichkeit

„Was wir Persönlichkeit nennen, ist oft ein Durcheinander von echten Eigenschaften und angenommenen Bewältigungsmechanismen, die nicht unser wahres Selbst widerspiegeln, sondern seinen Verlust.“ Dr. Gabor Mate

Der Begriff Persönlichkeit kommt vom altgriechischen ‘persona’, der Bezeichnung für die Maske von Schauspielern im antiken Drama. Die Persönlichkeit besteht aus genetischen und erworbenen Anteilen, und ist sehr komplex. Wir tragen viele Masken, die viele Funktionen erfüllen. Sie dienen der Darstellung unseres Ichs, aber auch als Schutzschilder, um Äußeres außen zu halten, und als Dämme, um Inneres innen zu halten; denn unter ihrer Oberfläche liegen oft, gut abgeschirmt durch unsere Verteidigungsmechanismen, ungeheilte Wunden aus unserer Kindheit.

Unsere instinktiven Überlebensstrategien: die vier Fs

Der Psychotherapeut Pete Walker zeigt in seinem Werk auf, wie Reaktionen auf traumatische Erlebnisse zu Teilen unserer Persönlichkeit – zu Masken – werden können. Der Ursprung dieses Phänomens liegt in unseren instinktiven Überlebensstrategien für den Umgang mit Gefahren. Pete Walker hat für diese Strategien den Begriff der “4 F- Reaktionen” geprägt. Sie bestehen aus zwei komplementären Impulsen: fawn (‘Bindung’) und fight (‘Kampf’), flight (‘Flucht’) und freeze (‘Starre’). 

Das erste Paar, Bindung und Kampf, bezeichnet zwei gegensätzliche Strategien der sozialen Interaktion. Das zweite Paar, Flucht und Starre, beschreibt komplementäre Strategien der Bewegung im Raum, betreffen aber auch unseren Energieaufwand. Jede dieser Strategien ist, im richtigen Maß verwendet, sinnvoll und notwendig. Zur optimalen Bewältigung von Gefahren und traumatischen Erlebnissen brauchen wir deshalb flexiblen Zugriff auf alle vier: Je nach Situation kann es z.B. zielführend sein, nachzugeben (fawn) oder sich für etwas stark zu machen (fight), sich zurückzuziehen (flight) oder erst einmal abzuwarten (freeze).

Bei häufigem Gebrauch jedoch können sich die erfolgreichsten ein oder zwei Strategien fixieren. In der Folge werden sie auf jegliches Problem angewandt, während die jeweiligen komplementären Strategien weniger zugänglich sind. Fixierungen erfolgen in Graden und sind keinesfalls immer krankhaft; im Exzess betrieben jedoch kann jede dieser vier Strategien Schaden anrichten. Die folgende Übersicht zeigt positive und negative Ausprägungsformen der 4 F-Reaktionen auf.

4 F-Reaktion Positive Ausprägung Negative Ausprägung Als Fixierung
Fawn (‘Bindung’)

Defensive
Fürsorgeverhalten, Hilfsbereitschaft, Zuhören, Kompromisse eingehen, Fairness Unterwürfigkeit, Verlust von Selbst, Gefallsucht, Perfektionismus (perfekt sein Co-abhängigkeit
Fight (‘Kampf’)


Offensive
Willen bekunden, Grenzen aufziehen, Selbstschutz, Durchsetzungsstärke, Mut, Führung Kontrolle und Versklavung anderer, Aggression, Arroganz, Herrschsucht, Tyrannei Narzissmus
Flight (‘Flucht’)



Mobilisation
Flucht im Raum:  Rückzug, Loslösung 
Flucht in Verhalten: Effizienz, Fleiß, Beharrlichkeit
Panik, Anxiety, Hast, Grübeln, übertriebene Geschäftigkeit, Workaholism, Perfektionismus (perfekt tun) Zwangsverhalten (OCD)


Freeze (‘Starre’)

Immobilisation,
Präsenz, Achtsamkeit, Frieden, Entspannung, Ruhige Einsatzbereitschaft Verschlossenheit, Verstecken, Isolation, Einsiedlerdasein, Katatonie Dissoziation

Im Folgenden wird betrachtet, wie sich eine Fixierung auf eine der Überlebensstrategien manifestieren kann. 

Fixierung auf Bindung: Co-Abhängigkeit

Bindungstypen verstecken ihr wahres Selbst hinter einer Maske der Hilfsbereitschaft und spielen im Zweifel die Rolle des Zuhörers. Sie verschmelzen ihre Identität mit der des Partners und richten sich nach seinen Wünschen, Bedürfnissen und Forderungen, um ein Gefühl der Sicherheit zu erlangen. 

Kinder werden co-abhängig, wenn ihnen ihr natürliches Selbstgefühl durch Liebesentzug oder Strafe ausgetrieben wird. Darum sind Bindungstypen von allen Typen am wenigsten sicher in ihrer eigenen Identität. Sie haben oft mindestens einen narzisstischen Elternteil und haben als Kind eine Parentifizierung erfahren. 

Für Bindungstypen kann es von Vorteil sein, sich durch Selbsthilflektüren über Co-Abhängigkeit über ihre Muster zu informieren. Dadurch können sie vermeiden, wieder und wieder in destruktive Beziehungen mit Narzissten zu geraten. Außerdem ist es notwendig einzusehen, wie sehr ihnen ihre Selbstverleugnung schadet. Sie können ihr Selbstgefühl u.a. durch kreativen Ausdruck stärken und können durch Verfahren der Nachbeelterung mehr Selbstliebe entwickeln. Außerdem helfen Selbstbehauptungstrainings dabei, die unterdrückte Kampfreaktion wieder zugänglich zu machen.

Fixierung auf Kampf: Narzissmus

Kampftypen lernen, auf ihre Verlassenheitsängste mit Wut zu reagieren. Sie glauben unterbewusst, dass Macht und Kontrolle Sicherheit erkaufen können. Sie unterbinden Intimität, indem sie andere mit ihrer aggressiven und kontrollierenden Art und ihren perfektionistischen Forderungen von sich fernhalten. 

Bei Kampftypen handelt es sich oft um Kinder, die verwöhnt wurden und denen keine Grenzen aufgezeigt wurden – eine besonder schmerzhafte Form der Vernachlässigung.

Extreme Kampftypen behandeln andere, als seien sie Teile ihrer selbst. Deshalb neigen sie dazu, andere mit ewigen Monologen zu beschallen; besonders geeignet sind hierfür Bindungstypen oder Starretypen. Diese beiden gehen am häufigsten Beziehungen mit Narzissten ein, da sie am ehesten bereit sind, ihre Rechte für den Partner aufzugeben. Besonders extreme Kampftypen können Soziopathen werden – sie können keine echte Empathie empfinden und verhalten sich antisozial. Manche Kampftypen reden sich selbst ein, dass sie selbst perfekt seien und suchen die Schuld für alles negative bei anderen Menschen und der Welt. Diese Überzeugung ermöglicht es ihnen, nicht an sich arbeiten zu müssen und gibt ihnen einen Grund, Menschen von sich wegzustoßen.

Aus diesem Grund sehen Kampftypen selten einen Grund, an sich zu arbeiten. Menschen mit narzisstischem Einschlag sind aber durchaus fähig, sich weiterzuentwickeln. Auch sie können lernen, ihren Schutzmechanismus zu verstehen und die unbefriedigten Bedürfnisse aus ihrer Kindheit zu betrauern. Weiterhin hilft die Stärkung ihrer Empathiefähigkeit, um wieder auf die komplementäre Bindungsreaktion zugreifen zu können.

Fixierung auf Flucht: Zwangsverhalten

Fluchttypen lenken sich durch Hyperaktivität vor dem Schmerz ihres Kindheitstraumas ab. Die “Flucht” erfolgt dabei weniger auf räumlicher Ebene als auf symbolischer Ebene, durch Flucht in Aktivitäten oder Gedanken. Besonders geläufig ist die Flucht in Arbeit, Essen, Sport, Sex, Shopping und Computerspiele. Die Flucht in Gedanken kann zu Anxiety, Gedankenspiralen und unnötigem Grübeln führen. 

Fluchttypen haben in der Kindheit verinnerlicht, dass sie Liebe und Sicherheit bekommen können, indem sie perfekte Leistungen abliefern. Ihr übermäßiges Tun und Denken kann im günstigsten Fall zu hervorragenden Leistungen in Schule und Beruf führen, im ungünstigsten Fall zu ADHS und Prozessabhängigkeiten. Manche Fluchttypen werden Adrenalinjunkies, Workaholics oder werden abhängig von Aufputschmitteln. Stark traumatisierte Fluchttypen können ADHS oder Zwangsstörungen bekommen.

Um sich auszubalancieren, können die kopflastigen Fluchttypen lernen, “in ihren Körper” zu kommen, und sich den Gefühlen zuzuwenden, die die Fluchtreaktion auslösen. Durch Entspannungstechniken, Yoga und Meditation lernen sie, die Vorteile der Starrereaktion zu integrieren. 

Fixierung auf Starre: Dissoziation

Starretypen verstecken sich durch Isolation oder Träumereien vor der Welt. Von allen Typen haben sie die stärkste Überzeugung, dass Menschen gefährlich sind. Viele Starretypen sind als Kind als Sündenbock missbraucht oder stark vernachlässigt worden. Da keine der anderen Überlebensstrategien gebraucht werden durfte oder konnte, blieb Starretypen nur die Dissoziation übrig. 

Dissoziation zeigt sich z.B. in mentalem Wegdriften, in dem Gefühl, bei Stress “neben sich zu stehen”, in Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen, in Amnesien bezüglich der eigenen Lebensgeschichte, aber auch in übermäßigem Schlafen, Tagträumen, Fernsehen, Internetsurfen und Videospielen. Manche Starretypen haben Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADD). Dabei lösen sie sich von ihrem inneren Erleben, sobald verdrängter Schmerz aufkommt. Starretypen haben verstärkten Zugriff auf körpereigene Opioidfreisetzung, da die Starrereaktion bei Säugetieren vor allem dann einsetzt, wenn der Tod unausweichlich ist. Wenn der Stress so stark ist, dass die inneren Opioide ihn nicht mehr überdecken können, greifen Starretypen auch zu Betäubungsmitteln wie Alkohol, Cannabis und Opiaten.

Da Starretypen sich üblicherweise isolieren, stehen die Chancen schlecht, dass sie Heilung durch gute Beziehungen finden. Sie brauchen daher mehr als alle anderen Typen Psychotherapie. Sie reagieren aber auch gut auf Haustiere und Fernfreundschaften über das Internet oder auf Selbsthilfelektüren. Besonders heilsam ist die Arbeit mit ihrer unterdrückten Wut und energiegeladene sportliche Betätigung, um ihre Energie wieder zu mobilisieren.

Was lernen wir daraus?

Aus Pete Walkers Modell wird deutlich, dass Co-Abhängigkeit und Narzissmus, Zwangsverhalten und Dissoziation Masken sind, die Wunden aus der Vergangenheit überdecken. Alle Traumatypen haben die Erfahrung machen müssen, dass ihre Verletzlichkeit ausgenutzt wird und dass ihr wahres Selbst nicht erwünscht ist; deshalb erfüllen letztlich alle Masken die Funktion, Nähe und Intimität zu verhindern. Dieses Verständnis kann uns dabei helfen, dysfunktionales Verhalten als sinnvolle Anpassungsreaktion zu verstehen. Es verhindert, dass wir die Maske mit dem authentischen Selbst einer Person verwechseln; es hilft uns letztlich dabei, mehr Empathie für uns selbst und andere aufzubringen.

Setzt du dir manchmal eine Maske auf? Keine Bange – unser Geschlecht und unser kultureller Hintergrund prädisponieren uns zu bestimmten Überlebensstrategien. Das ist nicht unbedingt schlecht. Wer jedoch das Gefühl hat, dass ihn seine Überlebensmechanismen in seiner Freiheit einschränken, kann etwas tun: Die Analyse der eigenen Maske gibt einen Einblick in die Mechanik unsere Konditionierung; durch Selbstbeobachtung und BEobachtung anderer kann man lernen, seine Überlebensstrategien besser auszukalibrieren – je nach Fall mit oder ohne professionelle Hilfe. Auf jeden Fall lohnt es sich; denn durch die Integration von Eigenschaften aller vier Überlebensstrategien sind wir besser für die Krisen des Lebens gewappnet. Wir können der Zukunft mit mehr Gelassenheit entgegenblicken, mehr “wir selbst” sein und bessere Beziehungen führen. 

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