Es gibt zwei Ebenen, auf denen du als Mensch wahrgenommen wirst, der du bist.

Die erste Ebene ist die Fremdwahrnehmung. So sehen dich deine Mitmenschen. Das können gute Freunde und Familienmitglieder sein, die dich gut kennen. Eine Fremdwahrnehmung von dir hat aber auch jeder entfernte Bekannte oder Fremde, der dich zum ersten Mal auf der Straße sieht. Sie ist natürlich nicht so fundiert, wie wenn dich diese Person besser kennen lernen dürfte. Fremdwahrnehmung beruht auf zwei Säulen:

Was bekommt die andere Person von dir mit?

Was erzählst und zeigst du der anderen Person bewusst/unbewusst über dich?

Fremdwahrnehmung hast du so nur teilweise in der Hand. Du kannst einem anderen Menschen zwar sagen, wer du bist und was dich antreibt, doch er beobachtet dich zugleich. Daraus zieht er eigene Schlüsse und überprüft, ob deine Aussagen sich für ihn stimmig anfühlen.

Die zweite Ebene ist deine eigene Wahrnehmung. Das ist echte Selbstwahrnehmung, denn sie kommt auch von dir selbst. Trotzdem gibt es wieder die beiden Säulen, aus denen sie sich zusammensetzt. Du entwickelst ein Bild darüber, wer du bist, beziehst aber auch Meinungen von Freunden, Familie und Bekannten mit ein, die ihre Ansichten über dich haben. Diese sind dazu da, um deine Selbstwahrnehmung entweder zu stärken oder dich dazu aufzufordern, sie zu hinterfragen.

Sich selbst besser kennenlernen

Du selbst bist die wichtigste Begegnung, die du im Leben jemals machen wirst. Doch sogar im Erwachsenenalter haben sich die meisten Menschen noch nicht richtig selbst kennen gelernt. Das ist keine Aufgabe, die du nebenbei erledigen kannst, sondern ein lebenslanger Lernprozess. Je früher du damit beginnst, desto bewusster wird dir dein eigenes Ich.

Du wirst dich im Laufe deines Lebens zwangsläufig besser selbst kennen lernen. Dazu tragen deine alltäglichen Erfahrungen bei. Du siehst, wie du auf bestimmte Situationen reagierst, und kannst dann Aussagen darüber treffen, ob du so sein willst – oder ganz anders. Es formt sich ein Bild davon, wer du bist. Du kannst aktiv entscheiden, wer und wie du bist. Einflüsse durch andere Menschen und deren Meinungen und Handlungen dienen dir als Inspiration für deine eigene persönliche Entwicklung. Wenn dir die Einstellung eines Mitmenschen besonders gut gefällt, adaptierst du sie. Wenn nicht, entwickelst du Eigenschaften, die anders sind als das, was dir missfällt.

Das alles passiert, ob es dir bewusst ist oder nicht. Selbst, wenn du der Selbsterkenntnis bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt hast, befindest auch du dich bereits auf diesem Weg.

Dennoch kommen viele Erwachsene irgendwann an einen Punkt, an dem sie sich fragen: Wer bin ich eigentlich? Bin ich schon die beste Version von mir selbst? Oder ginge da noch mehr?

Das ist der Punkt, an dem bewusste Selbsterkenntnis beginnt. Der Unterschied ist, dass du sie jetzt bewusst steuerst. Du unternimmst Schritte, um dich selbst besser kennen zu lernen, hinterfragst dich und stellst deine bisherigen Überzeugungen auf die Probe.

Beispiel:

Susanne ist 42 Jahre alt und hat in ihren frühen 20er Jahren ihren Mann Harald geheiratet. Die beiden Kinder sind 16 und 14. Sie war lange Hausfrau, denn das hat sich so ergeben und Harald verdiente immer gut. Seit einigen Monaten arbeitet sie wieder als Empfangsdame in einer Softwarefirma.

Seitdem das so ist, kommt sie mit Frauen im IT-Beruf in Berührung. Diese leben ein ganz anderes Leben als ihre Freundinnen, die sie aus Kindergarten und Schule der Kinder kennt. Susanne ist fasziniert von ihnen und beginnt, ihr Leben zu hinterfragen. Hätte sie das auch erreichen können, wenn manche Entscheidungen anders gewesen wären? Will sie das überhaupt? Oder ist sie doch glücklich damit, als Mutter für die Kinder da zu sein und sich darauf zu konzentrieren, ein Zuhause für ihre Familie zu managen? Denn das können die Karrierefrauen nicht, mit denen Susanne jetzt jeden Tag zusammen arbeitet. Viele sind immer wieder Single und haben in ihrem Alter noch keine Familie gegründet.

Die Veränderung in Susannes Leben hat einen Moment der bewussten Selbsterkenntnis herbeigeführt. Jetzt entscheidet sich: ist sie glücklich? Oder sieht sie jetzt eine neue Sicht der Dinge, die sie eher anspricht, und geht einen neuen Weg?

So kannst du Gefühle noch besser verstehen

Welche dieser drei Aussagen enthält wirklich ein Gefühl?

  • „Ich fühle mich von dir verraten, wenn du X machst.“
  • „Ich komme mir verarscht vor, wenn du zu spät kommst, obwohl du weißt, dass du die ausgemachte Zeit nicht schaffst und ich das kommen sehe.“
  • „Es macht mich traurig, wenn du mir nicht antwortest.“

Nur die dritte Aussage spricht wirklich von einem Gefühl.

Was steckt dann in den anderen beiden? Das sind bereits deine Interpretationen. Solche Aussagen gehen oft schief, denn sie kommen anklagend und beschuldigend beim Empfänger der Botschaft an. Die dritte Aussage hingegen weckt den Gedanken: „Oh nein, ich will aber niemanden traurig machen.“ Die Psychologie sagt dazu Pseudogefühl.

Stell dir den Menschen vor wie ein Auto. Ohne Treibstoff läuft der Motor nicht, das Auto bleibt einfach stehen. Unser Treibstoff sind Gefühle. Wut, Trauer, Freude, Liebe regen uns dazu an, uns auf bestimmte Arten zu verhalten. So können zwei Menschen mit genau gleicher Qualifikation im gleichen Job arbeiten, doch nur der, der emotional bei der Sache ist, wird wirklich gut sein.

Die Schwierigkeit mit den Gefühlen besteht darin, sie zu verstehen. Denn wir wollen sie am liebsten gleich deuten. Echte, rohe Gefühle sind:

  • Trauer
  • Wut
  • Einsamkeit
  • Freude
  • Liebe
  • Verunsicherung
  • Unruhe
  • Angespanntsein

Sie kommen von dir. Du beginnst eine Aussage über ein Gefühl mit den Worten: Ich bin… beunruhigt. Ängstlich. Wütend. Froh.

Die Pseudogefühle beinhalten wiederum deine Interpretation. Du beginnst solche Sätze mit: Ich fühle mich… und dann endet der Satz auf eine Art und Weise, die andere denken lässt, sie seien für deine Gefühle verantwortlich.

Es ist absolut menschlich, Gefühle zu deuten. Hilfreicher und nützlicher für dich ist es aber, wenn du lernst, deine echten Gefühle zu verstehen und sie auf ihren Ursprung zurück zu verfolgen. Denn wenn du deine Gefühle verstanden hast, kannst du auch bewusst steuern, ob bestimmte Situationen und Auslöser sie in dir wecken können oder nicht. Erinnere dich daran: Gefühle sind unser Antrieb. „Sich treiben lassen“ bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn du deine Gefühle verstehst und lernst, sie bewusst für dich arbeiten zu lassen.

Lass uns eine Übung zusammen machen!

Wenn du das nächste Mal etwas fühlst, dann halte inne und sage: „Interessant.“

„Fühlst“ du dich beispielsweise von jemandem schlecht behandelt? Interessant. Dein nächster Gedanke wird sein: „Das ist so, weil…“ Und da hast du auch schon die Begründung für dein Pseudogefühl. Es macht dich beispielsweise wütend oder enttäuscht dich, dass jemand dir eine Zusage macht und du schon absehen kannst, dass das nichts wird. Das weiß aber vielleicht die andere Person nicht und denkt, sie kann ihre Zusage halten. Oder sie will es so gerne, dass sie zu viel verspricht. Auf diese Art und Weise kommst du mit etwas Übung an deine echten Gefühle heran und kannst viel besser kommunizieren.

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