Corona bzw. die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben die Wirtschaft weltweit erschüttert und den Arbeitsmarkt ordentlich durcheinander gewirbelt. Viele Menschen waren oder sind von Kurzarbeit betroffen oder bedroht. Einige Unternehmen haben geschlossen und ihre Mitarbeiter ins Home Office verbannt. Die Corona-Pandemie zeigt, wie flexibel Arbeitnehmer heutzutage sein müssen. Im Zuge dieser Änderungen auf dem Arbeitsmarkt werden Stimmen laut, welche die Vier-Tage-Arbeitswoche fordern – unter anderem von der Linken-Chefin Katja Kipping. Die Idee einer Vier-Tage-Arbeitswoche ist dabei keineswegs neu, denn Gedankenspiele rund um eine solche verkürzte Arbeitswoche gibt es bereits seit einigen Jahren – neu sind höchstens die ungewohnten Bedingungen durch die Corona-Auflagen.
Doch was sagt eigentlich ein Arbeitspsychologe dazu? Ist die Vier-Tage-Arbeitswoche wirklich ein Gewinn für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen? Mit diesen Fragen möchten wir uns in diesem Artikel beschäftigen.

Was spricht für die Vier-Tage-Arbeitswoche?

Die Vorsitzende der Linken, Katja Kipping, ist sich sicher, dass sowohl Arbeitnehmer als auch die Wirtschaft einen Nutzen aus einer verkürzten Arbeitswoche ziehen könnten. Beschäftigte seien dadurch glücklicher, gesünder und letztlich auch produktiver. Da die Mitarbeiter weniger Fehler begingen, motivierter und seltener krank seien, würden von der Regelung am Ende auch die Unternehmen profitieren.

Arbeitspsychologe widerspricht

Die Idee einer Vier-Tage-Arbeitswoche bietet weniger Arbeitstage. Bedeutet dies jedoch automatisch auch gleich mehr Erholung für Arbeitnehmer? Ganz so einfach ist die Rechnung laut dem Arbeitspsychologen von der Universität Mainz, Thomas Rigotti, nicht. Zwar klinge der Vorschlag schön, wenn jedoch die Mitarbeiter als Ausgleich für den fünften freien Tag der Woche an den vier Tagen bis zur psychischen und körperlichen Erschöpfung arbeiten müssten, um alle anfallenden Aufgaben wie gewohnt zu erledigen, würde kein Erholungseffekt eintreten. Die Arbeitnehmer seien in diesem Fall vermutlich auch nicht leistungsfähiger. Ganz einfach ausgedrückt: Menschen, die in einer kürzeren Zeitspanne sehr viel (mehr) leisten müssen, sind an ihren freien Tagen umso erschöpfter. Am Ende würde der dritte freie Tag einzig und allein der notwendigen Regeneration dienen. Mehr Zeit für die Familie oder Hobbys würde dem Arbeitnehmer bei diesem Szenario also nicht bleiben.

Das Arbeitsmodell ist wichtig

Der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti befürwortet grundsätzlich eine Reduzierung der Arbeitszeit. Seiner Meinung nach dürfe die tägliche Arbeitszeit bei einer Vier-Tage-Arbeitswoche jedoch nicht über das übliche Maß von acht Stunden hinausgehen. Er sieht es kritisch, wenn Mitarbeiter an vier Tagen jeweils zehn Stunden lang arbeiten müssten, denn seiner Meinung nach seien Mitarbeiter bei den meisten Tätigkeiten in acht Stunden leistungsfähiger als in zehn Stunden, da im Laufe eines Arbeitstages irgendwann eine gewisse Ermüdung einsetze und Aufmerksamkeit und Konzentration nachließen.

Absprachen mit dem Chef treffen

Es ist empfehlenswert, den möglichen Freitag sowie die Arbeitszeit genau mit dem Chef abzusprechen. Für ein Unternehmen wäre es beispielsweise kontraproduktiv, wenn sämtliche Angestellte ihren freien Tag auf einen Freitag legen möchten und an diesem Tag sämtliche Arbeit liegenbliebe. Dieser Meinung ist auch der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti, der dringend empfiehlt, entsprechende Rahmenbedingungen bereits im Vorfeld mit dem Arbeitgeber zu klären. Zudem sei wichtig, dass der zusätzliche freie Tag wirklich arbeitsfrei bleibe, denn einige Mitarbeiter hätten die Neigung, Aufgaben an ihren freien Tagen zu erledigen. Solche Formen der Selbstausbeutung würden laut dem Arbeitspsychologen in klassischen Bürojobs immer mehr zunehmen.

Verkürzte Arbeitswoche nicht in jeder Branche möglich

Wenn Arbeitgeber eine Sache aus der Corona-Krise gelernt hätten, dann, dass Mitarbeiter auch zu Hause produktiv arbeiten können. Die Flexibilisierung sei durch die Corona-Auflagen zwar nicht erfunden worden, jedoch habe die Pandemie bislang als Katalysator gewirkt, wie der Arbeitspsychologe erklärt.
In manchen Branchen sei eine Vier-Tage-Arbeitswoche oder flexibles Arbeiten jedoch nur schwierig realisierbar. Als Beispiele nennt der Arbeitspsychologe die Müllabfuhr, die Polizei, bestimmte Berufe im Krankenhaus oder den Einzelhandel. In diesen Arbeitsfeldern ist die Präsenz einer bestimmten Anzahl von Mitarbeitern notwendig. Wird diese Präsenzzeit eines Mitarbeiters verkürzt, muss diese durch einen anderen Mitarbeiter aufgefangen werden. Dies wiederum würde für Arbeitgeber bedeuten, mehr Beschäftigte anzustellen, was sicherlich nicht unbedingt in deren Interesse sei, wie Thomas Rigotti zu bedenken gibt.

Mehr Freizeit oder Gehalt?

Auch das Gehalt führe zu Diskussionen. Laut dem Vorschlag der Linken-Chefin Kipping, wäre ein staatlicher Lohnzuschuss im ersten Jahr denkbar. Auf diese Weise wäre es den Unternehmen möglich, den reduziert arbeitenden Mitarbeitern weiterhin denselben Lohn zu zahlen. Was jedoch würde nach diesem einjährigen Experiment geschehen? Der Arbeitspsychologe ist der Ansicht, dass manche Arbeitnehmer unter Umständen auf einen höheren Lohn verzichten und stattdessen die zusätzliche Freiheit genießen würden. Andere hingegen seien auf ihr bisheriges volles Gehalt einer gewohnten 40-Stunden-Woche angewiesen.

Zudem könne die gewonnene Zufriedenheit schnell wieder Geschichte sein. Eine Studie ergab, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter bei einer Vier-Tage-Arbeitswoche zwar anstieg, jedoch bereits nach einem Jahr ein gewisser Gewohnheitseffekt eingetreten war. Das Plus an Zufriedenheit der Mitarbeiter ließ in der Folge recht schnell nach.
Zuletzt gibt der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti zu bedenken, dass die Reduzierung von Arbeitszeit auch immer eine gesellschaftliche Frage aufwerfe: Bei Millionen Arbeitslosen und ebenso vielen Überstunden könne man ein gewisses Missverhältnis feststellen. Mit dem Konzept der Linken-Chefin Kipping wäre es möglich, dass alle etwas weniger arbeiten würden, sie jedoch in Arbeit seien.

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