Herausforderungen und Ängste

Herausforderungen und Ängste

Und dann war es soweit. Ich stand am 27.August um sieben Uhr morgens im schweizerischen Chur am Oberlauf des Rheins. Es war gerade noch Sommer, eigentlich eine ungünstige Zeit. Denn am Ende des Sommers steht der Pegel besonders niedrig. Überall stehen Steine an, manche dicht unter der Oberfläche, es ist trocken und das Wasser windet sich im viel zu großen Bett.

Aber ich wollte das warme Wetter nutzen. Es ist ja so, dass man ständig nass wird, zum Beispiel wenn man vom Brett fällt, was gar nicht so selten passiert. Sehr kalt darf es da nicht sein, auch nachts nicht. Und die Nächte sollten recht kurz sein, denn die sind ein Problem für mich: Die Sicht ist schlecht, das Unfallrisiko größer – und ich habe Angst vor der Dunkelheit.

Das hat sich mehr oder weniger angeschlichen. Wenn ich nachts durch eine Straße gehe, sehe ich mich manchmal unwillkürlich um, ob ich verfolgt werde. Es gibt keinen rationalen Grund dafür, manchmal entwickeln sich solche Ängste von alleine. Vor der Tour hatte ich mir psychologischen Rat geholt. Eine Ursache fanden wir nicht, aber wir gingen das Problem mit verstärkter Konfrontation an. Schließlich durfte ich ja nicht einfach nachts auf dem Brett in Panik ausbrechen.

Die ersten Kilometer waren sehr wild. Der Alpenrhein ist ein reißender Gebirgsfluss voller Steine und Stromschnellen.

Personal Trainer Chris Ley beim Weltrekord

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Oft bin ich mit meinem Brett angestoßen, ins Wasser gefallen, habe mich aufgerappelt, und wenn es nicht anders ging, habe ich eine Stromschnelle auch umtragen. Die Finne am Brett hatte ich mit Bedacht nur locker angebracht, sie wäre mir sonst an einem Felsen sicherlich zerschmettert worden.

Nach Felsen, Trockenheit und Wildwasser wartete am Nachmittag die nächste Herausforderung auf mich: der Bodensee. Der größte See Deutschlands, eine immense Wasserfläche. Plötzlich riss die Strömung ab. Dafür kam Wind auf.

Ich hatte mich entschieden, nicht quer über die Mitte zu paddeln – zu gefährlich –, aber auch nicht am Ufer entlang – zu langsam. Ich fuhr in Sichtweite zum Ufer in langen Bögen, denn alle dreieinhalb Stunden musste ich ja auch wieder anhalten, Pause machen, essen, schlafen.

Auf meinem Brett war ein GPS-Sender angebracht, damit mein Team meinen Standort hatte. Dummerweise funktionierte der Livestream in der Schweiz nicht. So konnte mein Team, das am Südufer entlangfuhr, meinen Standort nicht ausmachen. Ich war allein auf mich gestellt auf diesem See, der so groß ist, dass er auch „Schwäbisches Meer“ genannt wird. Ich musste sehr viel telefonieren, damit ich nicht den Kontakt verlor, ansonsten orientierte ich mich an der Karte in meinem Kopf und später an den Lichtern am Ufer.

Das war für mich eine Herausforderung, die ich zuvor nicht habe kommen sehen. Stundenlang auf dem Brett paddeln, ohne den Eindruck zu haben, überhaupt voranzukommen. Ich hätte nicht sagen können, ob ich in einem Durchgang meine 35 Kilometer gemacht hatte oder vielleicht nur zehn.

An dieser Stelle werde ich übrigens häufig gefragt wie das überhaupt mit Toilette funktioniert hat: Schließlich wollen 10 Mahlzeiten am Tag, 12.000 Kalorien und literweise Flüssigkeit auch wieder raus. Ich habe in der ganzen Zeit auf dem Rhein nur eine einzige Toilette gesehen, ansonsten war ich auf mich allein gestellt: Freestyle auf dem Fluss!

Personal Trainer Chris Ley beim Weltrekord

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Dieser erste Tag also war die Gelegenheit für einen Ziel-Check: War ich überfordert, unterfordert oder im Gleichgewicht? Wenn alles passt, gerät man in einen ganz eigenen Zustand, in dem man ganz in seiner Tätigkeit aufgeht. Dieses Erleben beschreiben viele als die eigentliche Erfüllung, das komplette Aufgehen im Hier und Jetzt. Alles scheint einfach und alles scheint zu gelingen. Mann nennt es Flow-Zustand.

Im Flow kann man praktisch bei jeder Tätigkeit sein. Kennst du das auch? Ganz in etwas aufgehen? Sich im Flow befinden ist ein fantastisches Gefühl. Warst du schon mal im Flow? Beim Schreiben? Beim Garten umgraben? Eigentlich geht es bei jeder Tätigkeit. Ein japanischer Zen-Meister hat mal gesagt, es geht auch beim Kartoffelschälen. Man kann sich sogar vornehmen, der beste Kartoffelschäler der Welt zu werden. In diesem Moment lebt man halt nur für das Kartoffelschälen. Nun war meine Rheintour natürlich etwas anderes als Kartoffelschälen. Aber das Prinzip ist dasselbe.

Aber kommen wir mal zu dir und deinen Zielen: Wie siehst du das? Fordert dich dein Ziel, unter- oder überfordert es dich? Wenn ein Ziel nicht fordert, braucht man es sich nicht vorzunehmen. Morgen zur Arbeit zu fahren, auch wenn sie dich langweilt, ist kein Ziel, sondern das Ausharren in einer Komfortzone. Selbst dann, wenn deine Arbeit nicht nur langweilig ist, sondern dir auch noch Unannehmlichkeiten bringt. Komfort ist nicht zu verwechseln mit einem guten Gefühl. Selbst im Leiden können Menschen sich einrichten, einfach nur, weil es bekannt und vertraut ist. Fordernd wäre dagegen das Ziel, innerhalb von drei Monaten einen neuen Job zu finden und beim alten Arbeitgeber zu kündigen.

 

Ein Ziel muss also aus der Komfortzone führen. Es darf aber auch nicht überfordern. Unerreichbare Ziele entmutigen

Personal Trainer Chris Ley beim Weltrekord

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dich. Zum Beispiel ist es zwecklos, sich vorzunehmen auf den Mars zu fliegen. Ziele mit zu hohem Risiko sind ebenfalls nicht gut, denn sie führen schnell in eine Panikzone. Die ist auch nicht schöner als die Komfortzone. Die Monsterwelle in Nazaré wäre für mich ein Beispiel für eine Panikzone gewesen.

Wenn du ein Ziel hast, für das du wirklich etwas leisten musst, stellt sich schnell die Ressourcenfrage. Du wirst die Anstrengung über einen längeren Zeitraum durchhalten, auf manche Dinge verzichten müssen. Es wird Hindernisse und Rückschläge geben. Wichtig ist, bereits im Voraus abzuschätzen, was dir passieren kann. Denn Motivation und Mut sind auch Ressourcen. Diese zu erhalten, ist deine oberste Pflicht. Wer irgendwann keinen Bock mehr hat, gibt auf.